WARUM BLUMEN
Warum denn ausgerechnet Blumen, werde ich gefragt, nachdem sich jemand nach meinem fotografischen Thema erkundigt hat. Im Gegensatz zu manchen Fragestellern kann ich nicht sagen, dass meine Jugend glücklich war, sie war ausgesprochen traurig, ich betete jeden Abend „lieber Gott, lass mich sterben“. Auch als junge erwachsene Frau dachte ich ununterbrochen an Selbstmord, das Leben in mir selbst drin war unerträglich. Da begannen auch diese Träume, die seither immer wiederkommen, seit mehr als 40 Jahren. Ich träume von Blumen, meist sind sie vertrocknet, schlampig, dürr, nur ein kümmerlicher Rest Leben ist ihnen geblieben. Ein Garten ist zur Wüste verkommen, winzige Spuren von Grün lassen Leben erraten, die Zimmerpflanzen in ausgetrockneten Töpfen strecken mir ihre kahlen Äste entgegen, ein einziges grünes Blättchen signalisiert Leben. Ich kaufe Blumen, vergesse jedoch, sie ins Wasser zu stellen, Blumen werden mir geschenkt, wieder hindert mich etwas, sie einzustellen. Blühende Hecken verdorren, Blumenwiesen sind zu Schutthalden geworden. Und immer erwache ich,bevor ich diesen leidenden Pflanzen Wasser geben konnte. So sind Blumen zu meinem Thema geworden, zuerst haben mich Abbildungen von blühenden Blumen magisch angezogen. Dann begann ich selbst Bilder von blühenden Blumen aufzunehmen. Und wenn mich ein Bild gelungen dünkte, war ich glücklich. Ich strebte nach diesem Glückszustand, wollte ihm Dauer verleihen und so gegen die innere Trauer ankämpfen und begann meine erste große Blumenserie „365 Blumen“ zu fotografieren, für die ich ein Jahr lang jeden Tag eine Blume mit dem legendären Polaroid SX70 Film abbildete. Das Bild sah ich sofort, was mir sehr entgegenkam. Dann suchte ich nach einer neuen Form meiner Blumendarstellung und fand nach etlichen missglückten Versuchen in der Digitalkamera meine Lösung, wieder sah ich das Bild sofort. Nun wurde es mir zum Anliegen, die Erotik, das ungestüme, schamlose Leben der Blumen zu zeigen. Als gewissenhafte Frau arbeitete ich vier Jahre lang an diesem Thema, und immer noch scheint es mir nicht erschöpft. Wenn immer ich im Radio von all diesen weltweiten Katastrophen höre, möchte ich mitteilen, es gibt auch Schönes, Erfreuliches, Positives, möchte die andere Seite der Waagschale füllen.
Diese erotischen Blumen stehen in meinem Atelier herum (alle tief im Wasser) und welken langsam vor sich hin. Beim täglichen Betrachten begann ich die Grazie der welken Blumen zu entdecken, was zu der Serie mit den verdorrten Tulpen führte. Ich kreise um die Blumen, schaue sie an, suche den Blickwinkel und die Perspektive, mache mir Gedanken zum Licht, dann fotografiere ich sie, manchmal braucht ein einziges Bild mehrere Stunden. Ich verändere die Blumen nicht, ich will der Welt und mir beweisen, dass das Leben schöner ist als es scheint.

